Verabschiedung von Oberkirchenrat Werner Baur in den Ruhestand

„Ihr müsst begeisterte und lernende Menschen bleiben. Das hilft in diesem wunderschönen und herausfordernden Beruf.“

Diese Sätze hat Werner Baur auszubildenden Lehrkräften mit auf den Weg gegeben. Und begeistert und lernend ist er selbst immer geblieben. Bis zu seinem letzten Arbeitstag als Oberkirchenrat strahlte er Freude an der Arbeit und Engagement aus. Mit seiner ganzen Kraft wirkte er für die Weiterentwicklung des Religionsunterrichts, in seine Zeit fiel die Gestaltung des konfessionell-kooperativen Unterrichts oder der Aufbau des Religionsunterrichtes an Gemeinschaftsschulen.
Und wer immer ihm begegnet ist, lernte seine zugewandte Menschenfreundlichkeit schätzen.

Seit dem 1. Juni ist Werner Baur im Ruhestand – alle, die ihn kennen wissen, dass es wohl eher ein „Unruhestand“ sein wird. Wir wünschen ihm für alles, was er in Zukunft anpacken will, die gleiche Begeisterung und Freude, die ihn als Oberkirchenrat ausgezeichnet haben!

GEMEINSAM: GLAUBEN - LEBEN - BILDEN!

 

Festschrift für Werner Baur zum Eintritt in den Ruhestand

Oberkirchenrat Werner Baur hat von 1998 bis 2018 das Dezernat „Kirche und Bildung“ im Evangelischen Oberkirchrat Stuttgart geleitet. In dieser Zeit hat er durch sein inspirierendes Wirken, sein vernetztes Denken und Handeln die evangelische Bildungsarbeit in hohem Maße weiter entwickelt und befördert:

Aus Inseln wurden Bildungslandschaften.

Die Beiträge in dieser Festschrift zur Verabschiedung in den Ruhestand von Werner Baur nehmen seine Impulse auf, geben Einblick in die vielfältige evangelische Bildungsarbeit in Schule, Kirche, Diakonie und Gesellschaft und zeigen die aktuellen Herausforderungen sowie Wege zur Gestaltung der Bildungslandschaften auf. 

 

 


Beiträge von:

Martin Schleske / Friedrich Schweitzer / Norbert Collmar

Martin Weingardt / Christoph Schneider-Harpprecht / Ute Augustyniak-Dürr

Susanne Orth / Siegfried Jahn / Hans-Joachim Janus

Elvira Feil-Götz   / Joachim L. Beck / Georg Hohl

Birgit Deiss-Niethammer / Bernd Wildermuth / Wolfgang Ilg

Christoph Straub / Eckhard Geier / Ursula Kannenberg / Stefan Hermann

Die Festschrift kann kostenfrei im Referat 2.1 bei Caroline Hailfinger bestellt werden. 

Bilder der Verabschiedungsfeier

Abschiedsrede

By Bastian Gläßer (own work) CC-BY-SA-3.0 via Wikimedia Commons

Danke…

Nichts im Leben ist umsonst, nicht einmal der Tod – und der kostet das Leben. Wenn dieser Satz stimmen würde, dann wären uns alle Perspektiven des Lebens genommen, bevor es überhaupt begonnen hat. Von wegen es wird einem nichts in den Schoß gelegt. Wir haben uns nicht selbst ins Leben gebracht. Das Leben ist Geschenk.


Mit unseren Enkeltöchtern erlebe ich es aufs Neue wieder in ganz besonderer Weise. Auf das Empfangen sind wir angelegt, auf Liebe, Zuwendung und Fürsorge. Und das nicht nur am Anfang des Lebens. Bedürftig sind wir Mensch. Angewiesene bleiben wir. Dieses Angewiesen-sein ist keine Schwäche, kein Makel, kein zu überwindender Mangel. Ganz im Gegenteil, es ist der Schlüssel unseres Seins. Es ist Wesensmerkmal unseres Personseins, dass wir auf Beziehung, auf Begegnung, auf das Du und die Gemeinschaft, auf Empfangen und Geben, auf Teilhabe und Anteilgeben angelegt sind. Keine gesunde körperliche und seelische Entwicklung, keine Sprachentwicklung ohne Zuwendung, ohne verlässliche Beziehungen. Wert hat nicht nur das, was ich selbst geschaffen habe, auf was ich verweisen kann. Kein Wachsen und Reifen, kein Lernen und kein Erkenntnis-gewinn ohne präsente Mitmenschen, ohne inspirierende Wegbegleiterinnen und Wegbegleiter.  

Was wäre aus mir geworden und wie würde ich nach fast 20 Jahren in der Verantwortung als Bildungsdezernent unserer Landeskirche aus dem Amt scheiden, wenn ich nur auf mich gestellt und auf mein Vermögen  angewiesen gewesen wäre?

Die Jahreslosung 2018 aus dem uch der Offenbarung Kapitel 21, Vers 6 eröffnet eine entlastende Dimension und einladend-weite Perspektive des Lebens. Dort lesen wir: "Gott spricht:  Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst!" Kein Anforderungskatalog des Wohlverhaltens, keine in Stein gemeißelten Zugangsvoraussetzungen religiöser Praxis müssen erfüllt werden, keine Herkunft, kein Stand und keine Zugehörigkeit schließen aus von der Quelle des Lebens, dem Quell lebendigen Wassers. "Ich will geben dem Durstigen umsonst!" Was für eine Zusage! Was für eine Verheißung! Was für eine Einladung zum Leben! Dem Bedürftigen, dem Durstigen, der Seele "will ich geben umsonst!" ("nephesch" im hebräischen ein Wort für die Seele und die Kehle, den Schlund)

Der Theologe Paul Tillich hat recht.  "Die übliche Frage was muss ich tun, muss durch eine ungewöhnliche Frage ersetzt werden: Was empfange ich!" Wir sind das, was wir empfangen. Mit dem "Nehmen" ist es nicht getan im Leben. Und mit dem "Haben" auch nicht. Es ist alles entscheidend, wie ich zu etwas komme. Wer nur verteilt, was er selbst erarbeitet hat, muss schauen, dass er nicht zu kurz kommt. Verteilen heißt letztlich Mangel verwalten. Teilhabe und Teilhabe-Gerechtigkeit schöpfen aus einer anderen Fülle. Es ist die Fülle dessen was ich bekomme, an was ich Anteil habe durch die Gemeinschaft mit anderen, an dem was mir von Gott geschenkt ist.  


Unvergleichlich schön beschreibt dies Conrad Ferdinand Meyer mit seinem Gedicht vom römischen Brunnen.


Auf steigt der Strahl und fallend gießt
Er voll der Marmorschale Rund,
Die, sich verschleiernd, überfließt
In einer zweiten Schale Grund;
Die zweite gibt, sie wird zu reich,
Der dritten wallend ihre Flut,
Und jede nimmt und gibt zugleich
Und strömt und ruht.


Was für ein Bild. Es ist nicht unser Einsatz, unser Bemühen und Abmühen, nicht unser Vermögen. Wenn, dann entscheidet sich alles an unserem Fassungsvermögen. Am Anfang steht nicht unser Tun, und nicht die Frage was zu tun ist, sondern was wir, dass wir empfangen. Das Leben, Kirche-sein beginnt damit, dass wir empfange. Es geht um ein Beziehungsgeschehen und Beziehung  ist Geschenk. Bedürftig zu sein, sich stärken und trösten zu lassen, auf den anderen angewiesen und verwiesen zu sein, ist nicht entwürdigende Ohnmachtserfahrung, sondern die Kunst des Geschehen-lassens. Diese Kunst hat ihre eigene Schönheit. Diese, so habe ich den Eindruck, gerät in unseren Tagen zunehmend in Vergessenheit. Unter dem Druck zur Selbstinszenierung kommt sie aus der Mode.   

Ich habe zu danken für die Fülle, die ich in den fast 20 Jahren im Oberkirchenrat erfahren habe - auch durch Sie / Euch / Dich. Danke!


Es ist kein verklärter oder gar getrübter Blick, der das Schwere und die Belastungen, die Spannungen und das Versagen, das Schuldigwerden und Schuldigbleiben in all den Jahren ausblendet. Wir haben Anteil an der verschwenderischen Fülle Gottes, die in seiner Kirche und unserem Leben zu entdecken ist, mit der wir beschenkt werden - durch andere. Dafür habe ich zu danken: Zu allererst Gott, der mir Gesundheit und Kraft geschenkt hat. Ihm, der mir ein fröhliches Herz und Freude, Gewissheit und Zuversicht des Glaubens in all den Herausforderungen und Anfechtungen erhalten hat.
Und natürlich Ihnen / Euch / Dir für alle Unterstützung, für das geschenkte Vertrauen und Zutrauen, für alles Miteinander und Zusammenstehen, das Aus- und Durchhalten, die Inspiration, den gespielten Ball, das ermutigende Wort, für den Sprung in die Lücke und das Einlassen auf das eine oder andere Wagnis. Kirche muss sich wagen, das macht sie aus als Leib Christi

Ich danke herzlich und freue mich auf ein Wiedersehen. Mit einem Briefauszug des Zisterziensermönchs Bernhard von Clairvaux (1090-1153) an einen Mitbruder grüße ich Sie.

Werner Baur


Bernhard von Clairvaux schreibt:


"Wenn du vernünftig bist, erweise dich als Schale und nicht als Kanal, der fast gleichzeitig empfängt und weiter gibt, während jene wartet, bis sie erfüllt ist. Auf diese Weise gibt sie das, was bei ihr überfließt, ohne eigenen Schaden weiter...
Lerne auch du, nur aus der Fülle auszugießen und habe nicht den Wunsch freigiebiger zu sein als Gott. Die Schale ahmt die Quelle nach. Erst wenn sie mit Wasser gesättigt ist, strömt sie zum Fluss, wird zur See. Die Schale schämt sich nicht, nicht überströmender zu sein als die Quelle...
Ich möchte nicht reich werden, wenn du dabei leer wirst. Wenn du nämlich mit dir selbst schlecht umgehst, wem bist du dann gut? Wenn du kannst, hilf mir aus deiner Fülle, wenn nicht, schone dich."